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Das Messie-Syndrom

Das Messie-Syndrom

Das Messie-Syndrom  - Versunken im eigenen Leben

 

Am 17. November fand im One World der interessante und berührende Vortragsabend mit Frau Janice Pinnow statt. Sie kommt mit Rollator und ihrem Assistenten. Sie ist als Folge ihrer eigenen Messie-Erkrankung körperlich so stark eingeschränkt, dass sie nun einen Assistenten braucht, um weiter Aufklärungsarbeit leisten zu können.

 

Nach Schätzungen sind bis zu zwei Millionen Deutsche vom sogenannten Messie-Syndrom betroffen. Messie bedeutet im Englischen „Unordnung, Durcheinander“ und ist die Folge einer komplexen Persönlichkeitsstörung, meist als Folge einer Entwicklungstraumatisierung. Das Messie-Syndrom ist keine Aufräumstörung. Eine „Heilung“ gibt es nicht, aber eine Genesungsbegleitung “, sagt Janice Pinnow (auf dem Bild links) aus Adendorf. Die gelernte Industriekauffrau muss es wissen. Sie leidet selbst unter dem Syndrom und gilt gleichzeitig als eine der führenden Messie-Experten und Genesungsbegleiterin in Deutschland. 

Sofort anzusehen ist nur den wenigsten, dass sie unter der (Sammel-)Krankheit leiden: Ob junge Mutter oder alleinstehender Senior, Sachbearbeiter oder Manager, das Messie-Syndrom tritt quer durch alle Altersstufen und sozialen Schichten auf. Da ist die ehemalige leitende Versicherungsangestellte, die ihr Auto auch im Winter vorm Haus parkt, weil ihre Garage bereits total „zugemüllt“ ist. Oder der aufopferungsvolle Hausarzt, der jetzt eine zweite Wohnung anmieten musste, weil die erste bereits kaum noch begehbar ist.

Nach außen hin führen sie alle meist ein normales, unauffälliges Leben, wirken gepflegt und kleiden sich nicht selten sogar besonders elegant. Anderen Menschen erscheinen sie oft als besonders optimistisch und lebensbejahend, vielseitig interessiert und kreativ. Auch im Beruf sind viele Betroffene sehr erfolgreich und engagiert, mit einer Tendenz zum Perfektionismus bis hin zur Selbstüberforderung. Messies leben in stetigen Widersprüchen.

Die tatsächlichen Ursachen des Syndroms sind noch nicht wissenschaftlich geklärt. Es gibt noch viel zu wenig wissenschaftliche Studien, eine Abgrenzung zu anderen Krankheiten ist zudem schwierig. „Es ist der Überlebensmechanismus eines notleidenden Kindes, aufgrund eines Entwicklungstraumas aus den ersten 3 Lebensjahren. Ihre Trennungs- und Verlustängste versuchen Messies dann damit zu kompensieren, dass sie beispielsweise emotionale Beziehungen zu ihren angesammelten Gegenständen aufbauen. Sachen können ihnen nicht wehtun: Sie laufen nicht weg und können nicht enttäuschen, was Messies ein Gefühl von Sicherheit gibt“, sagt Expertin Pinnow. Was für andere nur alte Gegenstände sind, sind für Messies fast Familienangehörige. Zwangsräumungen sind deshalb besonders tragisch und können sogar zur Selbsttötung führen.

Ein Messie schämt sich für die Unordnung in seinem Heim und weicht Besuchern regelmäßig aus. Oft lehnen sie auch Einladungen in die Wohnung von anderen ab. Weil häufig selbst enge Bezugspersonen nur geringes Verständnis für das häusliche Chaos aufbringen, ziehen sich Messies sozial immer weiter zurück. Das fördert noch die Vereinsamung und das kann den Schweregrad der Erkrankung beeinflussen.

Janice Pinnow: „Eine „Behandlung“ des Messie-Syndrom gibt nicht. Man kann die Betroffenen auf ihrem Weg eigentlich nur begleiten. Den Menschen so annehmen wie er ist, das hilft.“

Täglich rufen meist Angehörige von Betroffenen bei ihr an. Die Gespräche dauern nicht selten eine Stunde. Wichtig ist ihr zu vermitteln, dass Menschen mit Messie-Syndrom panische Angst davor haben, Dinge wegzuschmeißen. Und das man diese Angst  respektieren müsse. Dabei erzählt sie, welche Qualen sie selbst danach ausgestanden hat, wenn sie es mühevoll geschafft hat Dinge wegzuschmeißen.

                        (Ines-Katja Tönjes und melano.de)

NEWS & INFOS

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Melano, Rathausweg 4, 21365 Adendorf (Lüneburg) Tel. (0 41 31) 720 73 65

Notfallrufnummer:

Janice Pinnow, Tel. 01 71 / 698 19 94
Bitte benutzen Sie diese Nummer  wirklich nur in dringenden Notfällen!

Für akute seelische Notfälle besteht auch die Möglichkeit, sich kostenfrei an die Telefonseelsorge zu wenden, Tel. 0800 / 1110111 oder 0800 / 1110222.